Dienstag, 23. Oktober 2007

Im Westen nichts Neues…



Könnte man glauben, weil ich so lange nicht mehr geschrieben habe. Falsch! Es ist mal wieder so viel passiert, dass ich keine Zeit hatte, mich schriftlich über die vergangene Woche auszulassen.
Am Donnerstag ist ein Polizist bei einem Banküberfall in der Stadt erschossen worden, was für Santiago ungewöhnlich ist, denn normalerweise werden hier die Banken genauso wie in Deutschland überfallen und es gibt keine Toten. Am Freitag habe ich einen sehr netten Polizisten kennen gelernt, der hieß Freddy und hat uns nach dem Konzert von „Los Bunkers“ und „Sol y Lluvia“ ein Taxi besorgt („Bis zur nächsten großen Straße laufen ist zu gefährlich“).
Am Freitag war ich also auf diesem großartigen Konzert vor der Universidad de Chile, mit unglaublichen vielen Menschen und unglaublich chaotischer Organisation, Nicht-Organisation ist vielleicht besser ausgedrückt. Zunächst dachten wir (das sind übrigens Lars und ich), das Konzert wäre in der Universidad de Chile mit der gleichnamigen U-Bahn-Station. Tja, falsch gedacht, nachdem ich ein paar Punker befragt hatte, ob sie wüssten, wo das Konzert wäre (die Antwort „Nee, keine Ahnung“ hat mich 2 Zigaretten gekostet) und dann von zwei Bankmanagern (so sahen sie zumindest aus) die Information bekommen haben, sind wir noch mal kurz eine halbe Stunde in der U-Bahn quer durch die Stadt gefahren und sind dann nach weiteren 10 Minuten verwirrten Fußmarsches in der Uni angekommen (okay, bis hier war das unserer Nicht-Organisation). Vor der Uni und im Eingang war ein riesiges Aufgebot an Polizisten und Sicherheitskräften, ich wurde Ganz-Körper-abgetastet (von einer Frau) und man musste insgesamt durch drei Schleusen, um dann tatsächlich im Gelände zu sein.
Jetzt zu dem großartigen Verkaufssystem, das in Chile in vielen Kneipen, Eisdielen, Bäckereien und anscheinend auch auf Konzerten betrieben wird: zunächst stellt man sich in eine Schlange, um einen Coupon zu erwerben, den man dann, nachdem man sich in einer zweiten Schlange angestellt hat, gegen Getränke, Eis,… eintauscht. Wenn man Glück hat, bekommt man eine Nummer zum Coupon, wenn nicht, tja… Auf dem Konzert gab es natürlich keine Nummern, dementsprechend war das alles ein bisschen komplizierter. Aber das erste Mal Getränke holen war noch kein Problem. Beim zweiten Mal habe ich bezweifelt, ob ich lebend wieder rauskomme. Wie auch an Bushaltestellen (dazu hatte ich schon mal geschrieben, dass man Bushaltestellen, an denen Busse zu Unis abfahren, immer am Knäul davor erkennt, während an allen anderen Bushaltestellen Schlange gestanden wird?) hatte sich trotz einer Absperrungsmaßnahmen ein riesiges Knäuel drängelnder und schubsender Menschen gebildet, zeitweise so schlimm, dass die Kassen geschlossen wurden – als ich es gerade fast endlich bis an eine der Kassen geschafft hatte. Dann haben sie die Kassen an andere Stellen umgeräumt (dazu muss ich anmerken, dass die Kassen hinter einem einbetonierten Zaun der Uni waren) und innerhalb von 30 Sekunden hatte sich das Knäuel an dieser anderen Stelle gebildet. Während ich also in diesem Geschubse und Gedränge stand, durfte ich die Erfahrung machen, auf die mich Sergio vermutlich vorbereiten wollte, als er mich am ersten oder zweiten Tag gefragt hat „Y, tuviste sexo en el metro?“ (Und, hattest du Sex in der U-Bahn?). Man wird wohl des öfteren auch in der Metro begrapscht, wenn es richtig voll wird. Da ich mich in diesem Menschenknäuel überhaupt GAR NICHT bewegen konnte (ich war froh, dass ich einigermaßen wusste, wo meine Hände und Füße waren, ab und zu war ich mir da nicht sicher), konnte ich mich leider auch nicht umdrehen und dem Typen eine knallen. Großartig, nee? Abgesehen davon hab ich mir anschließend ca. die Hälfte des guten Piscola über meine Klamotten (und die anderer Leute) geschüttet, aber ich lebe ja noch.
Anschließend konnte ich Lars davon überzeugen, dass wir jetzt dringend ein paar Leute kennen lernen müssen, zu zweit war es ein bisschen langweilig. Das ging auch ganz schnell, auch wenn ich die netten Leute aus der „Schlange“ (ja, da waren auch nette Menschen, Englischstudenten) nicht wieder gefunden habe.
Die nächsten 4 Stunden haben wir uns also mit César, Lore, Laura, … und noch ein paar Menschen, an deren Namen ich mich leider nicht mehr erinnere, vergnügt.
Einige von den Jungs...


Zum Konzert selber: Los Bunkers sind eine der bekanntesten chilenischen Bands überhaupt, aus Concepción (7h Richtung Süden) und die Menschenmasse ist abgegangen – unglaublich. Hüpfen, schreien, tanzen,… Eigentlich hatte ich Videos gemacht – um festzustellen, dass die Musikqualität so schlecht ist, dass ich das unmöglich veröffentlichen kann. (http://www.losbunkers.cl/ , z.B. http://www.youtube.com/watch?v=_04ueK-DMaA ; http://www.solylluvia.cl/ , http://www.youtube.com/watch?v=cuL2EiBhs-s ). Sol y Lluvia machen allerdings traditionellere Musik mit Flöten und Okulelen (schreibt man das so?) und man kann meist sehr gut die übelsten Verwünschungen gegen Pinochet im Rhythmus der Lieder brüllen. Ich hab nur „Asesina Pinochet“ (Mörder Pinochet) verstanden, die restlichen Sprüche – keine Ahnung.
Los Bunkers live...

Am Samstag war ich zunächst mal wieder im Theater, diesmal ein klassisches Konzert (Wagner – Grieg – Franck) und anschließend auf der WG-Einweihungsparty von Nuria (Spanierin), sie ist mit fünf anderen Austauschstudenten in ein Haus zusammengezogen, mit Garten und winzigem Pool, total schön. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob ich nette Leute kennen gelernt habe oder nicht, die Baggerei ist ja immer die gleiche (wenn man zum 100.Mal hört: „Eres hermosa!“ glaubt man nicht mehr an die Kreativität der Chilenen). Ein chilenischer Jura-Student schien erst ganz nett, bis er beschlossen hat, mich jetzt für den Rest des Abends in Beschlag nehmen zu müssen – was ich natürlich gar nicht eingesehen habe, was er wiederum nicht einsehen wollte. Wenn ich mich dann also mit anderen Jungs unterhalten habe, ist er hinter deren Rücken rumgesprungen und hat mir zu verstehen gegeben, dass diese Person sicherlich ganz schrecklich ist. Kindergarten??? Irgendwann war er beleidigt, weil ich ihn ignoriert habe, bis jetzt hat er sich noch nicht gezuckt, mal schauen, ob er sich noch traut, sich zu melden. Ein Freund von Alex (sitzt in meinem Borges-Kurs) hat es letztendlich volle Breitseite abbekommen, ich hatte mich Freitag Nacht ja schon so aufgeregt und dann dieser Jurastudent… Auf jeden Fall hat der arme Kerl ungefähr 20 Minuten mein Schimpfen auf den chilenischen Machismo ertragen müssen und dabei war er echt mal richtig nett! Er hat sich auch den Rest des Abends vor mir versteckt, glaub ich *uups*
Nicht dass ihr jetzt glaubt, hier wäre alles nur Party, aber ich brauche nicht zu schreiben, wie ich am Schreibtisch sitze und Texte lese, oder???
Oh, noch eine lustige Geschichte: In der Straße meiner Bank, die liegt weiter Richtung Zentrum ist eher eine nicht ganz so einwandfreie Gegend, mit Erwachsenenkino und richtigen Spelunken. Auf jeden Fall hing an einer dieser Bars die ganze Zeit ein Zettel mit der Aufschrift „Busca chica 18-25 años para el bar“, hab ich auf jeden Fall immer gelesen und auch schon drüber nachgedacht, einfach mal reinzugehen, um mir die Bar anzuschauen, ob ich dort arbeiten möchte. Letzte Woche habe ich festgestellt, dass dort nicht „para el bar“ sondern „para la barra“ steht, was ein bisschen was anderes bedeutet: „Suchen Mädchen für die Stange“, und an dieser Stange wird getanzt.
Soviel zu: „Wer lesen kann, ist klar im Vorteil“
Außerdem möge man sich nicht wundern, wenn man zu zehnt über den Konzertvorplatz latscht, alle relativ blond und überdurchschnittlich groß (was Chile angeht) und dann gefragt wird, ob man „zufälligerweise“ aus Deutschland kommt – oh Wunder, ich lag richtig. Allerdings waren diese Studenten irgendwie nicht so erpicht darauf, neue Leute kennen zu lernen, was auch mal wieder dem Stereotyp „Deutsch“ entspricht, oder?

1 Kommentar:

anna hat gesagt…

*merci* für deine Postkarte!!! Vermiss dich, und ich liebe es, deine Einträge zu lesen... Bei mir kommt in der nächsten Woche was Neues, bin momentan etwas im Stress. sisterly