Die letzte Woche ist wieder wie im Fluge vergangen, ich arbeite immer noch an meinem Referat, wofür ich auch die Umfrage herum geschickt habe. Inzwischen sind die Fragebögen ausgewertet und ich habe festgestellt, dass ich mein Konzept noch einmal überarbeiten muss – das ist inzwischen das 3.Konzept und wenn ich den Professor nicht so mögen würde, hätte ich es schon geschmissen. Gestern war ich schon "mal eben kurz" (5h) in der Nationalbibliothek, die haben ein sehr lustiges System was die Buecher angeht: sie haben auch ein OPAC, man schreibt sich Titel, Autor, Zahlenkombi auf und dann latscht man mit dem Zettel in den Lesesaal, gibt den einer Dame, die die Buecher dann im Lager bestellt, man bekommt einen Leseausweis in die Hand gedrueckt und wartet, bis es mal wieder "bling" macht und die Nummer auf dem Display aufleuchtet. Allerdings darf man immer nur 2 Buecher auf einmal lesen, ausleihen darf man gar nicht, aber ich habe endlich vernuenftiges Material gefunden. Dementsprechend liegt noch eine anstrengende Woche vor mir und das verlängerte Wochenende, das wir dank Allerheiligen haben, werde ich wohl vor meinem Laptop verbringen. Mit einem Tag Pause, wir fahren entweder ans Meer oder in den Cajón de Maipó, wobei „wir“ noch nicht genau definiert ist: Eine Floskel in Chile ist: „Vamos a hacer un asado, vamos?“ („Lass uns grillen!“). Die benutzt man, wenn man jemanden ewig nicht mehr gesehen hat, ihn zufälligerweise auf der Straße trifft und sich dann verabschiedet. Allerdings wird man nie gemeinsam grillen, genauso wenig wie gemeinsam Tennis spielen oder sonst was. Ist so ähnlich wie: „Wir müssen UNBEDINGT mal wieder Kaffee trinken gehen!“ Der andere Chilene antwortet dann: „Si, si, claro!“ und das ist dann das „chilenische Versprechen“, das nie eingelöst wird. Ähnlich funktioniert das mit Wochenendausflügen…
Valentín, studiert mit mir Psychologie und ist inzwischen ein guter Freund
Freitag abend war ich auf Valentíns Geburtstag eingeladen, er hat in einem Club gefeiert, der glücklicherweise nicht in Las Condes, sondern Bellavista liegt, dementsprechend konnte ich abends ganz gemütlich hinlaufen und mich dann günstig von einem Taxi nach Hause bringen lassen.
Samstag morgen (9.40 Uhr, ich war stolz auf mich, dass ich um halb vier vom Geburtstag verschwunden bin – dazu muss ich mal wieder sagen, dass hier Partys eben erst um 23.00 oder 24.00 Uhr anfangen) war ich mit meinem Prof (aus der Kunstgeschichte, der mit dem Humboldt-Referat) verabredet – ich hab ihn Zuhause abgeholt und wir sind gemeinsam nach Cal y Canto gelaufen, wo wir weitere Studenten (die sich oben in Las Condes an der Uni getroffen haben, um mit einem Unibus nach Cal y Canto gekarrt zu werden, weil die Innenstadt – abajo im Allgemeinen – so gefährlich ist und man dort dementsprechend nicht hingeht und sich sowieso nicht auskennt. Und außerdem: Wo hätten die Autos geparkt werden sollen??? Hört sich jetzt ein bisschen gemein an, aber die meisten Kunststudenten kommen aus richtig reichen Familien und haben tatsächlich genau diese Einstellung.) getroffen haben um einen Künstler in seinem Atelier zu besuchen. Erstmal zur Wohnung von Ricardo (es ist hier normal, dass man seine Professoren duzt und mit Vornamen anspricht): Ich habe nur drei Räume in seiner Wohnung gesehen, war aber schwer beeindruckt. Man stelle sich ein Wohnzimmer vor, ungefähr 25 m² (wenn nicht mehr), eine lange Fensterfront mit Blick auf das Bellas Artes und den Park und die restlichen drei Wände sind mit Regalen bestückt, bis zur Decke, und darin: Bücher, Bücher, Bücher. Über alle Themen der Welt, so erschien es mir auf jeden Fall, in Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch. Ich hatte ein bisschen Zeit (hey, ich war nicht zu früh, sondern typischerweise ein bisschen zu spät!!!), mich umzuschauen, weil Ricardo noch kurz mit seinen beiden Mitbewohnerinnen fertig gefrühstückt hat. Er ist ungefähr 45, muss man dazu sagen. Auf dem Weg zu Cal y Canto hat er sich dann ein bisschen über Las Condes und Chile aufgeregt (er spricht fließend deutsch, hat ein paar Jahre in Mainz unterrichtet und sein Vater ist noch in Deutschland aufgewachsen). Wie man vielleicht raus lesen kann: Ich bin schwer beeindruckt von diesem Mann…
Das Künstleratelier und der Künstler waren auch ganz interessant, allerdings war das ganze sehr technisch, weshalb ich wenig verstanden habe. Über Grundierungen, Techniken des Malens,… Als es dann um die Geschichte des Hauses ging, konnte ich wieder einsteigen, ich werde das jetzt aber nicht ausführen ;-)
Halloween
Auch in Chile hat man Halloween von den Amis übernommen, ähnlich wie bei uns haben sich Halloween-Partys aber erst in den letzten 10 etabliert. Allerdings haben sie hier keinen Fasching/Karneval im Februar, was ich sehr schade finde – wahrscheinlich werde ich nächstes Jahr dann ausnahmsweise mal gesund bleiben, gibt ja nix zu feiern ;-)
Wir (Dani, Sonia, Lars, Cristian, Marcello und ich) waren wieder mal in das Haus mit den 11 ausländischen Studierenden eingeladen, da, wo ich auch schon mal in der ersten oder zweiten Woche war. Zunächst mussten wir aber mal das Kostümproblem lösen – was sich Samstag Nachmittag um 16.30 Uhr als ziemlich kompliziert herausgestellt hat. Leti (eine Freundin von Dani) sagte, dass sie zwei Kostümläden kenne, die waren aber als wir ankamen schon geschlossen, genauso wie die anderen 3 Läden, die laut Auskunft in der Nähe sind. Tja, wir sind ungefähr eine Stunde durch das ganze Viertel gelaufen und haben letztendlich doch noch einen Kostümverleih gefunden. Leti, Dani und Lars wollten mir das Kostüm einer Bauchtänzerin aufquatschen, allerdings hab ich mich so nackt darin gefühlt (Rücken frei, Bauch frei, Rock ziemlich durchsichtig), dass ich das dann lieber gelassen habe. Außerdem habe ich im Moment auch den Bauch, den man zum Bauchtanzen braucht und ich hatte nicht das Bedürfnis, den aller Welt zu zeigen. Ich bin dann also (mal wieder) als Hexe gegangen und habe mich sehr wohl in meinem Kostüm gefühlt – schön warm war es zusätzlich auch noch, mit Bauchtänzerinnen-Kostüm wäre es wohl etwas frisch geworden.
Anahí ist abends zu mir gekommen, sie ist aus Paraguay und eine großartige kleine Person, sie wohnt im Moment bei ihrem Onkel in Las Condes und studiert auch in der UDD. Großartig, dass ich so ein großes Bett habe!!! Sonst hätte sie nicht mit auf die Party kommen können… Nachdem wir uns umgezogen hatten, sind wir zu Dani gelaufen und haben dort Dani ein wenig bemitleidet: Sie wollte unbedingt als „Prostituierte“ gehen und hatte sich von ihrer Schwester ein Korsett besorgt – allerdings hatte sie wohl nicht damit gerechnet, dass man so schlecht darin atmen kann… Am Mittwoch verkleidet sie sich als Mann :-p
Auf beiden Parties habe ich wieder unglaublich viele Menschen kennen gelernt, viel Castellano geredet und so langsam aber sicher entwickelt sich hier ein Freundeskreis – sobald echte neue Freunde auftauchen, werde ich die natürlich benennen, bzw. ihr seht das ja auch in den Fotos!!! Alex hatte ich schon mal irgendwo vorgestellt, oder???